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Clinic Service

Mehr Zeit für Patienten statt für Reinigungschecks: Wie Digitalisierung die Pflege wirklich entlastet

Personalnotstand, wachsende Hygieneanforderungen und steigende Audit-Pflichten setzen den Klinikalltag unter Druck. Care-Experte Sven Tegeler erklärt im nachfolgenden Gespräch, warum digitale Prozesse unverzichtbar werden, wie sie die Pflege entlasten – und weshalb starre Reinigungspläne nicht mehr zur Realität moderner Krankenhäuser passen.

Klüh Care-Experte Sven Tegeler

Herr Tegeler, viele assoziieren Krankenhausreinigung noch immer mit klassischen Wischmopps und starren Zeit- und Reinigungsplänen. Warum reicht dieses alte Modell heute nicht mehr aus?

Weil das alte Modell auf Ressourcen basiert, die es schlicht nicht mehr gibt. Beim allgemeinen massivem Personalmangel steigen gleichzeitig die Anforderungen an die Dokumentation. Je tiefer wir in sensible Bereiche wie die Intensivstation oder den OP schauen, desto enger werden die Vorgaben. Am Ende muss alles lückenlos dokumentiert sein. Was dabei oft unterschätzt wird: Hygiene ist nicht nur Ergebnisqualität („sieht sauber aus“), sondern vor allem Prozessqualität. Wer was wann wie gemacht hat, muss nachvollziehbar sein.

 

Ein kritischer Punkt im Klinikalltag ist die Überlastung des Personals. Sie erwähnten, dass Pflegekräfte Aufgaben übernehmen, die eigentlich nicht in ihren Kernbereich fallen. Was bedeutet das konkret für die Praxis?

Es ist leider oft Realität, dass Pflegefachkräfte aufgrund von Zeit- und Personalmangel Reinigungsarbeiten übernehmen müssen. Wir sprechen hier von patientenbezogenen Objekten – also zum Beispiel Infusionsständern, Rollstühlen oder Toilettensitzen. Dass das Pflegepersonal diese Dinge reinigt, liegt meist daran, dass im klassischen Reinigungsplan die entsprechenden Kapazitäten fehlen.

Genau hier setzen wir mit EcoServ an: Diese Aufgaben werden vom Reinigungsdienst übernommen und über Sensoren und digitale Tickets gesteuert. So wird sichergestellt, dass die Arbeiten genau dann erledigt werden, wenn sie anfallen, ohne dass die Pflegekraft koordinieren oder selbst Hand anlegen muss.

Wie sieht diese digitale Steuerung in der Praxis aus – gerade unter Berücksichtigung der strengen Hygienevorgaben?

Wir bewegen uns hier in einem sehr engen Rahmen. Jede Veränderung muss mit der Hygienefachkraft im Haus abgestimmt und im Hygieneplan eingearbeitet werden. Wir orientieren uns an RKI-Empfehlungen und Normen wie der DIN 13063 für die Krankenhausreinigung. In diesem Umfeld bedeutet „revisionssicher“: Es reicht nicht, dass jemand sagt „Ist gemacht“. Es muss lückenlos nachvollziehbar sein – wann, wo, was und nach welchem Standard gereinigt wurde.

 

Und das leistet die Technik quasi im Hintergrund?

Genau. Digitale Workflows automatisieren diesen Nachweis. Sensorik erkennt beispielsweise die Nutzung oder den Bedarf, ein Ticket wird ausgelöst und die Durchführung direkt digital quittiert. Über ein Dashboard ist dieser Nachweis für die Verantwortlichen sofort verfügbar. Das ist ein ganz großer Punkt, denn so schaffen wir die nötige Transparenz und Sicherheit für Audits – ohne zusätzlichen Dokumentationsaufwand für das Personal.

Das klingt sehr theoretisch. Können Sie ein Beispiel nennen, das den Nutzen auch für Nicht-Fachleute greifbar macht? 

Der Klassiker ist ein Seminar- oder Konferenzraum. In vielen Häusern wird so ein Raum starr fünfmal pro Woche gereinigt – egal, ob überhaupt jemand darin saß. Das ist eine reine Ressourcenverschwendung. 

Mit Sensorik und Ticketing wird die Reinigung bedarfsgerecht: Die tatsächliche Nutzung löst einen Auftrag aus, und nach der Erledigung wird digital dokumentiert. Das Ergebnis sind weniger unnötige Wege und ein klarer Nachweis. Wir setzen die Ressourcen dort ein, wo Hygiene wirklich zählt.

Sie blicken auf 28 Jahre Erfahrung im Care-Sektor zurück: Was ist aus Ihrer Sicht die größte Hürde bei der Umstellung auf IoT – die Technik oder die Angst vor Überwachung?

Es ist häufig eine Kulturfrage. Digitalisierung wird oft als Kontrolle missverstanden, dabei ist sie das Gegenteil: Wir erfassen Prozessdaten, keine Personen. Es geht darum, Leerläufe zu reduzieren und Transparenz zu schaffen, damit die Patientennähe wieder Priorität hat. Ohne Vertrauen und volle Transparenz funktioniert das System nicht. 

Digitalisierung in Kliniken wird oft auf die Reinigung reduziert. Sie sagen: Das geht viel weiter. Wo genau liegen die Potenziale?

Das Spannende ist: Wenn man ein integriertes System hat, kann man mehrere Servicebereiche gleichzeitig abdecken. Ein gutes Beispiel ist die Überwachung der Kühlkette. 

In Krankenhäusern lagern hochsensible Medikamente in Kühlschränken – auch über das Wochenende. Klassisch wird die Temperatur dort manuell kontrolliert und in Listen dokumentiert. Das ist zeitaufwendig und fehleranfällig.

Wie lösen Sie das digital?

Sensorik übernimmt die Überwachung rund um die Uhr. Sie misst nicht nur die Temperatur, sondern registriert auch, ob eine Tür offensteht. Bei Abweichungen wird sofort ein Alarm an den Empfang oder die Leitstelle gemeldet. 

Der Nachweis wird automatisch und lückenlos geführt. Das reduziert das Risiko für die Patientensicherheit, spart dem Personal Zeit und verhindert den Verlust teurer Medikamente. Hier zeigt sich: Es geht um ein ganzheitliches Ökosystem im Krankenhaus.

Können Sie uns ein weiteres Beispiel aus dem Alltag nennen, wo die Sensorik den Unterschied macht?

Ein großes Thema sind Füllstände und die Priorisierung von Aufgaben. Denken Sie an Handtuchspender, Abfallbehälter oder Sanitärbereiche. Kontrollrundgänge sind Routine, aber sie kosten extrem viel Zeit – oft läuft jemand umsonst, weil noch alles voll ist, oder er kommt zu spät. 

Wenn die Sensorik den Bedarf meldet, können die Teams gezielt reagieren. Das spart unnötige Wege und stellt sicher, dass dort gehandelt wird, wo es gerade brennt.

Ein weiteres, oft unterschätztes Thema ist die Legionellenprävention. In Krankenhäusern gibt es zahlreiche Trinkwasserleitungen und Entnahmestellen, die nicht täglich genutzt werden. Bisher wurden diese manuell gespült und auf Papier dokumentiert. 

Wir ersetzen diese Prozesse durch digitale Zeitstempel und Sensoren. Diese messen Temperatur und Spüldauer an den Leitungen in Echtzeit. Das schafft lückenlose Nachweise und macht sichtbar, wo Zwangsspülungen entfallen können. 

Durch bedarfsgerechte, intelligente Steuerung werden jährlich Millionen Liter Wasser gespart – das schafft neben Sicherheit auch eine messbare ökologische Wirkung.

Und wie gehen Sie mit Feedback oder Beschwerden um?

Auch Reklamationen werden durch die Digitalisierung messbar. Wenn Beschwerden an einem bestimmten Ort gehäuft auftreten, müssen wir nicht mehr im Nebel stochern. 

Wir sehen in den Daten sofort, ob es sich um einen Prozessfehler handelt oder ob gezielt nachgeschult werden muss. Statt auf Bauchgefühle zu vertrauen, passen wir Prozesse datenbasiert und objektiv an – das ist modernes Qualitätsmanagement. 

Viele sprechen heute über Robotik und KI. Was ist in der Klinikhygiene bereits realistisch und was ist eher Zukunftsmusik?

Die menschliche Komponente bleibt zentral, gerade in hochsensiblen Bereichen wie dem OP oder der Intensivstation. Robotik und KI sehe ich vor allem als Unterstützung: Sie helfen uns, schneller zu reagieren und unnötige Wege zu reduzieren.

Ein besonders praxisnahes Beispiel für den Einsatz von KI ist die digitale Disposition. Das System erkennt, welche Mitarbeitenden eingeloggt sind, über welche speziellen Qualifikationen – etwa in der OP- oder Intensivreinigung – sie verfügen und wo kurzfristig Bedarf entsteht, beispielsweise durch Krankmeldungen. Auf dieser Basis erstellt die KI optimale Vorschläge für die Einsatzplanung. Vorarbeiter müssen dadurch weniger ad hoc improvisieren oder „Feuerwehr spielen“ und gewinnen Zeit für ihre eigentliche Aufgabe: die Qualitätssicherung. Entscheidend ist dabei, dass KI unterstützt – nicht überwacht oder Menschen ersetzt.

 

Wenn Sie fünf Jahre nach vorn schauen: Was wird dann in den Krankenhäusern der Normalfall sein?

Dass wir über die Qualität der Hygiene nicht mehr diskutieren müssen, weil sie belegbar ist. Wir kommen weg vom „Ich glaube, es wurde gereinigt“ hin zu einem klaren „Wir sehen, dass es erledigt wurde“. Bedarfsorientierte Steuerung, digitale Nachweise und transparente Dashboards werden Standard sein. Der wahre Mehrwert ist dabei nicht die Technik selbst, sondern das Ergebnis: die zurückgewonnene Zeit und Ressourcen für den Patienten.

 

Ein schöner Schlusssatz. Vielen Dank für diese tiefen Einblicke in die digitale Zukunft der Klinikhygiene, Herr Tegeler!

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Glasfassade mit Spiegelung des Rheinturms

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